Wenn Laternen Kandidaten tragen: Willkommen in der Kommunalwahlzeit
Kugelschreiber-Ernte, Grußwort-Marathon und Bauzaunplakate in XXL – der Frühling wird politisch.
Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür – und man merkt’s. Nicht nur daran, dass plötzlich wieder Menschen freundlich lächeln, die man sonst eher vom „Bitte leiser, wir tagen hier!“-Blick aus dem Gemeinderat kennt. Sondern auch daran, dass in manchen Rathäusern tatsächlich neue Führung gesucht wird.
In Neustadt wird’s auf jeden Fall ein neues Gesicht auf dem Bürgermeisterstuhl geben – frischer Wind im Chefbüro, neue Unterschrift unter alten Aktenordnern. In Markt Erlbach hingegen bleibt Dr. Birgit Kress (mangels mutiger Herausforderer*innen) erstmal weiter am Chefessel sitzen. Man könnte sagen: Während andernorts Stühle gerückt werden, bleibt dort der Stuhl einfach… sitzen.
Und damit ist klar: Es ist Kommunalwahlzeit.
Die Jahreszeit, in der man in der Jackentasche plötzlich Dinge findet wie:
einen Flyer, den man „nur kurz“ annehmen wollte,
eine Einladung zu „Bürgerdialog & Brezen“,
und den zwölften Kugelschreiber, obwohl man seit 2019 keinen einzigen mehr gekauft hat.
Apropos Kugelschreiber: Jetzt ist die Zeit, die Vorräte aufzufüllen. Denn so viele Kugelschreiber, Feuerzeuge und Notizblöcke bekommen Sie in den nächsten sechs Jahren nicht mehr zusammen, wie Sie im Frühjahr 2026 auf Märkten, Infoständen oder bei charmant unangekündigten Haustürgesprächen einsammeln könnten. Das ist quasi kommunalpolitische Daseinsvorsorge – nur eben in Schreibwaren.
Und noch etwas: Wenn Sie in den nächsten Wochen auf Faschingsveranstaltungen oder andere öffentliche Termine gehen, planen Sie besser mehr Zeit ein. Nicht wegen der Gardetänze. Sondern wegen der Grußworte. Kommunalwahlkampf ist nämlich auch die Zeit, in der Menschen plötzlich den inneren Drang verspüren, ein Mikrofon zu ergreifen und in sieben Minuten nahezu jedes kommunalpolitische Thema zu beleuchten – vom Radweg bis zur Friedhofsatzung, vom Kindergarten bis zur Kläranlage. Und das alles, bevor überhaupt jemand „Helau“ sagen durfte.
Und dann wären da noch die Wahlplakate – die klassischen Frühlingsboten der Demokratie. Plötzlich „wachsen“ sie an Straßenlaternen wie ein ganz eigener Bewuchs: erst vereinzelt, dann in Rudeln, und irgendwann hat jede Laterne einen Kandidaten an der Backe. Dazu kommen die Bauzaunplakate im Format 2×3 Meter, die gnadenlos sind wie ein HD-Fernseher im Elektronikmarkt: Da wird ohne Bildbearbeitung jeder Pixel, jedes zu lange Barthaar und jede Stirnfalte in Übergröße sichtbar. Wer jemals dachte, „Ach, das Foto geht schon“, lernt spätestens am Bauzaun Demut. Aber so ist das: Alles Gewächse der Demokratie auf kommunaler Ebene – und im Zweifel auch eine kleine Mutprobe für das Selbstbild.
Und bevor das falsch verstanden wird: Wahlkampf ist wichtig. Er gehört zur Demokratie wie der Stimmzettel und die Wahlurne. Und die Kandidatinnen und Kandidaten haben meinen vollen Respekt – ich war selbst die letzten 24 Jahre Kandidat und weiß, was das bedeutet: Zeit, Nerven, Bauchgefühl und ganz viel Ehrenamt. Gerade deshalb darf man’s auch mal mit einem Augenzwinkern sagen: Es ist eine besondere Zeit. Es ist die „Wer lächelt am schönsten“-Zeit. Und in acht Wochen wissen wir dann: Wer hat am besten gelächelt – und wer darf danach wirklich an die Arbeit. 🗳️🙂



