Schlüsselzuweisungen: Warum unsere Städte und Gemeinden davon abhängig sind – und was wir darüber wissen sollten
Kein Geschenk, sondern bitter nötig – wie der Freistaat Bayern Kommunen mit Steuergeld unterstützt (und warum das eigentlich ein Alarmsignal ist)
Wer die Zeitung in diesen Tagen aufschlägt, liest von Millionenbeträgen, die „aus München“ in die Region fließen. Auch im Landkreis Neustadt an der Aisch–Bad Windsheim wurde wieder gejubelt: Insgesamt über 53 Millionen Euro erhält der Landkreis über die sogenannten Schlüsselzuweisungen. Bad Windsheim freut sich über satte 4,3 Millionen Euro, Emskirchen über ein Plus von 400.000 Euro. Alles scheint gut.
Doch dieser Geldregen ist kein Weihnachtsgeschenk, wie es manchmal klingt. Es sind Steuergelder, auf die unsere Städte und Gemeinden dringend angewiesen sind, um überhaupt ihre Pflichtaufgaben zu erfüllen – und das ist das eigentliche Problem.
Die Gemeinde Emskirchen erhält im Jahr 2026 eine Schlüsselzuweisung in Höhe von 1.559.544 Euro, was einem deutlichen Plus von 405.496 Euro im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
Die Stadt Neustadt an der Aisch muss dagegen einen drastischen Rückgang verkraften: Mit 1.343.704 Euro fällt die Zuweisung 1.295.764 Euro niedriger aus als 2025.
Auch Markt Erlbach erhält mit 1.337.704 Euro spürbar weniger – ein Minus von 474.200 Euro.
Die Gemeinde Diespeck bekommt 1.347.040 Euro, was einem moderaten Rückgang von 66.492 Euro entspricht.
Dietersheim erhält 721.092 Euro und damit 58.492 Euro weniger als im Vorjahr.
Für Neuhof an der Zenn stehen 715.440 Euro bereit, ein Rückgang um 109.992 Euro.
Die Gemeinde Trautskirchen bekommt 691.216 Euro, was ein Minus von 114.932 Euro bedeutet.
Hagenbüchach erhält 684.808 Euro, also 111.292 Euro weniger als 2025.
Am wenigsten bekommt erneut Wilhelmsdorf, mit nur 199.164 Euro – ein Rückgang um 41.016 Euro im Vergleich zum Vorjahr.
Was sind Schlüsselzuweisungen überhaupt?
Schlüsselzuweisungen sind staatliche Finanzhilfen, die jährlich vom Freistaat Bayern im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs an Landkreise, Städte und Gemeinden gezahlt werden. Sie sollen für ausgeglichenere Lebensverhältnisse sorgen – unabhängig davon, ob eine Kommune reich an Gewerbesteuereinnahmen ist oder nicht.
Die Grundidee: Wer weniger selbst einnehmen kann, soll mehr bekommen, damit er dennoch die gleichen Aufgaben erfüllen kann wie eine wohlhabendere Kommune.
Wofür werden diese Gelder verwendet?
Anders als bei speziellen Förderprogrammen dürfen Schlüsselzuweisungen frei verwendet werden. Doch in der Praxis bleibt dafür kaum Spielraum. Sie dienen in erster Linie dazu, die sogenannten Pflichtaufgaben der Kommunen zu finanzieren:
Betrieb und Unterhalt von Schulen und Kindergärten
Ausstattung der Feuerwehren
Straßenunterhalt, Abfallwirtschaft und Abwasser
Sozialleistungen wie die Jugend- und Altenhilfe
Verwaltungskosten und öffentliche Sicherheit
Wer glaubt, dass mit den Zuweisungen Parks, Blumenbeete oder Kulturprojekte gefördert werden, liegt meist falsch. Die Realität ist: Das meiste Geld fließt in notwendige, gesetzlich vorgeschriebene Aufgaben – und selbst dafür reicht es oft nicht aus.
Wie wird verteilt?
Die Höhe der Schlüsselzuweisungen wird jedes Jahr nach einem komplexen Verteilerschlüssel berechnet. Entscheidend ist dabei:
Steuerkraft der Kommune: Je mehr sie selbst über Grund-, Gewerbe- oder Einkommensteuer einnimmt, desto weniger bekommt sie.
Einwohnerzahl, oft gewichtet nach Aufgabenlast (z. B. viele Kinder = mehr Kindergartenbedarf)
Sonderfaktoren wie Zentralitätsfunktionen (z. B. Schulen für Nachbargemeinden)
Das bedeutet auch: Wer besonders viele Aufgaben für umliegende Orte übernimmt (z. B. Bad Windsheim), kann besonders profitieren.
Die Kehrseite: Abhängigkeit von Entscheidungen in München oder Berlin
Was in der Haushaltsdebatte oft vergessen wird: Dass viele Gemeinden überhaupt auf solche Gelder angewiesen sind, liegt nicht daran, dass sie schlecht wirtschaften – sondern an einem ungerechten Steuersystem und politischen Entscheidungen vergangener Jahrzehnte.
Die Kommunen dürfen nur einen Teil der Einkommensteuer behalten, obwohl sie vor Ort Leistungen erbringen.
Die Gewerbesteuer ist extrem schwankend und abhängig von einzelnen Unternehmen.
Gleichzeitig wurden ihnen immer mehr Aufgaben aufgebürdet – ohne dass die Finanzierung dauerhaft gesichert wurde (Stichwort: „Konnexitätsprinzip“ – wer bestellt, muss auch zahlen).
Das Ergebnis: Immer mehr Gemeinderatsentscheidungen hängen davon ab, ob gerade ein Förderprogramm läuft.
Ob eine neue Turnhalle gebaut wird, ein Radweg erneuert oder ein Feuerwehrhaus modernisiert – es entscheidet nicht der lokale Bedarf allein, sondern oft der Förderkatalog aus München oder Berlin.
Keine solide Grundfinanzierung – sondern Notoperation
In der politischen Kommunikation wirkt es oft so, als sei der Freistaat großzügig und „unterstütze“ die Kommunen. Tatsächlich muss er das – weil es anders gar nicht funktionieren würde. Die Gemeinden würden sonst ihre gesetzlichen Aufgaben nicht erfüllen können. Manche könnten nicht einmal mehr ihre Verwaltung bezahlen.
Die Landtagsabgeordnete Gabi Schmidt (Freie Wähler) sagte es offen: „Unsere Kommunen müssen immer größere Ausgaben schultern, vor allem im Sozialbereich. Mit einer kräftigen Finanzausstattung sichern wir die Zukunft des Freistaats.“
Das stimmt – aber es zeigt auch, wie sehr die Basis unserer Demokratie vom Tropf zentraler Politik abhängig ist.
Fazit der Redaktion:
Der Geldsegen ist dringend nötig – aber er ist auch ein Warnsignal. Wenn Kommunen sich nur noch überleben können, weil ihnen jedes Jahr ein Millionenbetrag vom Land zugewiesen wird, ist das kein Zeichen von Stärke, sondern eines von struktureller Schwäche.
Statt sich über Millionen zu freuen, sollten wir diskutieren:
Warum darf eine Gemeinde wie Emskirchen nicht selbst über mehr Steuereinnahmen verfügen, obwohl sie die Arbeit vor Ort leistet?
Warum wird jedes Feuerwehrhaus zum Bittsteller in München?
Warum muss eine Kommune hoffen, ins richtige Förderprogramm zu rutschen, statt selbst zu entscheiden, was gebraucht wird?
Schlüsselzuweisungen sind notwendig. Aber sie sollten keine Dauerlösung sein.
Ein starkes Land braucht starke Kommunen – und das heißt: verlässliche, auskömmliche Finanzierung ohne politische Lotterie.
– Redaktion Neues an Aurach, Zenn und Aisch 💬