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Neustadt an der Aisch. Rund 400 bis 450 Besucherinnen und Besucher strömten am Donnerstagabend in die NeuStadtHalle, um beim Radio-8-Wahlabend die Kandidatin und Kandidaten für das Bürgermeisteramt live zu erleben. Schon lange vor Beginn bildeten sich erste Grüppchen vor dem Eingang – beste Plätze waren begehrt. Und die ersten Reihen waren fest in der Hand zahlreicher Listenkandidatinnen und -kandidaten, die ihren jeweiligen Favoriten sichtbar den Rücken stärkten.
Moderator Klaus Seeger führte souverän, humorvoll und mit spürbarer Wertschätzung für die demokratische Debatte durch den Abend. Mit pointierten Fragen, locker eingestreuten Witzen und einem Gespür für die richtige Dramaturgie gelang es ihm, Nervosität abzubauen und zugleich inhaltliche Tiefe zu ermöglichen.
Linken-Kandidat sagt kurzfristig ab
Eigentlich waren fünf Bewerber angekündigt. Der 21-jährige Kandidat der Linken, André Hufnagel, hatte seine Teilnahme jedoch kurzfristig wieder abgesagt und nahm stattdessen im Publikum Platz. Eine verpasste Gelegenheit: Gerade bei einem solchen Format bietet sich die Chance, Inhalte und Persönlichkeit vor breitem Publikum zu präsentieren und Profil zu zeigen.
Auf dem Podium standen damit Gerd Scheuenstuhl (FDP), Harald Haag (FWG), Heike Gareis (SPD) und Alexander Müller (CSU). Anfangs war allen die Anspannung anzumerken, doch spätestens nach einer Viertelstunde entwickelte sich eine sachliche, respektvolle Diskussion – ganz im Stil der Neustädter Kommunalpolitik: Man kennt sich, man widerspricht sich, aber man bleibt anständig.
Heike Gareis mit Erfahrung und klarer Linie
Heike Gareis überzeugte vor allem mit ihrer kommunalpolitischen Erfahrung, ihrer klaren Struktur in den Antworten und einer spürbaren Leidenschaft für die Stadt und ihre Menschen. Sie kündigte an, im Falle ihrer Wahl innerhalb der ersten 100 Tage ein Gremium zur Belebung der Innenstadt einzurichten – mit Architekten, Verwaltungsexperten, aber eben auch mit Bürgerinnen und Bürgern. Bürgernähe nicht nur als Schlagwort, sondern als Arbeitsprinzip.
Auch bei der Einschätzung der städtischen Finanzlage blieb sie differenziert: Ja, die Lage sei angespannt – aber Neustadt verfüge über wirtschaftliche Stärke und Selbstheilungskräfte. Dieser sachliche Optimismus wirkte fundiert und realistisch.
Ihr Vorstoß für ein Mehrgenerationen-Projekt im alten Feuerwehrhaus unterstrich ihren sozialpolitischen Schwerpunkt. Als ein Mitbewerber diese Idee als „Bilderbuchmentalität” bezeichnete, blieb Gareis ruhig – und stellte im Gegenzug die konkrete Frage nach verfügbaren Gewerbeflächen. Eine Antwort blieb aus.
Viel Detail – aber wenig Vorbereitung?
Gerd Scheuenstuhl präsentierte sich mit einem sehr umfangreichen Programm auf seiner Website und ging bei vielen Vorschlägen stark ins Detail. Gleichzeitig wirkte er stellenweise weniger strukturiert in der Darstellung und bei Nachfragen nicht immer sattelfest – etwa bei der konkreten Benennung verfügbarer Flächen. Hier hätte man sich etwas mehr Vorbereitung und Praxisnähe gewünscht.
Harald Haag punktete mit bodenständigem Auftreten und seiner „Ich-bin-einer-von-euch”-Haltung. Als politischer Newcomer machte er keinen Hehl aus seiner fehlenden Stadtratserfahrung – was sympathisch wirkte, aber auch zeigte, dass ihm die kommunalpolitische Routine noch fehlt.
Alexander Müller stellte Wohnraumschaffung und Baugebiete in den Mittelpunkt. Er betonte mehrfach Kontinuität und langfristige Perspektive – mit 34 Jahren wolle er mehr als nur eine Amtsperiode gestalten. Auch er blieb sachlich, wirkte jedoch in manchen Antworten eher allgemein als konkret.
Viel Gemeinsamkeit, unterschiedliche Gewichtung
Inhaltlich lagen die Schwerpunkte gar nicht so weit auseinander: Innenstadtbelebung, Wohnraum, Gewerbeansiedlung, solide Finanzen. Unterschiede zeigten sich vor allem in der Gewichtung – und im Stil.
Während Scheuenstuhl die Rolle des aktiven Wirtschaftsförderers betonte, sieht sich Haag als Vermittler, Müller als verlässlicher Dauerbürgermeister. Heike Gareis hingegen setzte klar auf soziales Miteinander, Bürgerbeteiligung und strategische Innenstadtentwicklung – mit einem Mix aus Pragmatismus und Vision.
Kommentar der Redaktion
Verloren hat an diesem Abend niemand. Aber gewonnen hat vielleicht die Erfahrung.
Kommunalpolitik ist kein Planspiel und kein Debattierclub. Sie ist Detailarbeit, Haushaltszahlen, Flächennutzungspläne – und vor allem das tägliche Ringen um tragfähige Kompromisse. Wer hier schon Jahre mitgestaltet hat, bringt schlicht einen Vorsprung mit.
Heike Gareis wirkte an diesem Abend vorbereitet, strukturiert und nah an den Themen – ohne in Schlagworten zu verharren. Andere Bewerber zeigten Engagement und gute Ansätze, aber auch, dass Erfahrung im Stadtrat nicht durch Enthusiasmus allein zu ersetzen ist.
Und wer eine Bühne wie diesen Wahlabend ungenutzt lässt, darf sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob er die Chance zur Präsentation nicht vertan hat.
Am 8. März entscheiden die Wählerinnen und Wähler, welches Konzept sie überzeugt. Spannend bleibt es – sachlich hoffentlich auch weiterhin.




