## Auf den Spuren jüdischen Lebens in Neustadt: Neue Stadtführung mit Martin Frenkler
Wie sichtbar ist jüdische Geschichte heute noch in Neustadt – und wo muss man genauer hinschauen, um ihre Spuren zu entdecken? Genau dazu lädt eine neue Themenführung des Geschichts- und Heimatvereins ein. Martin Frenkler hat sich intensiv mit der Geschichte der Juden in Neustadt beschäftigt und nimmt Interessierte bei einem rund zweistündigen Stadtspaziergang mit auf eine Reise durch viele Jahrhunderte.
Martin Frenkler machte 1980 am Friedrich-Alexander-Gymnasium sein Abitur. Schon damals blieb ihm in Erinnerung, dass sein früherer Geschichtslehrer Dr. Wolfgang Mück zu den wenigen gehörte, die auch über die jüdische Geschichte Neustadts berichteten. Später war Frenkler als Schulpfarrer und Informatiklehrer tätig. Heute lebt er im Ruhestand in Hagenbüchach und absolvierte im vergangenen Jahr die Ausbildung zum Stadtführer in Neustadt.
Weil er bei den bisherigen Angeboten eine Lücke erkannte, entwickelte er eine eigene Themenführung zur jüdischen Geschichte der Stadt. Erstmals vorgestellt wurde sie im vergangenen Jahr beim Tag des offenen Denkmals.
Für die Konzeption sichtete Frenkler umfangreiches Material. Wichtige Quellen waren dabei unter anderem Bücher von Wolfgang Mück und Ilse Vogel. Entstanden ist daraus ein informativer Rundgang, in den der Theologe nicht nur historische Fakten, sondern auch viele Grundlagen zum Judentum einfließen lässt. In diesem Jahr zog die Führung bereits Studierende aus Erlangen nach Neustadt.
Auch der Frauenclub der evangelischen Kirche aus Hagenbüchach nutzte nun die Gelegenheit zu einer Führung. Treffpunkt war an der alten Lokomotive beim Parkplatz an der Neustadthalle. Dort erklärte Frenkler zunächst, warum Juden bereits in karolingischer Zeit das Interesse Karls des Großen geweckt hatten: Sie waren europaweit über familiäre Beziehungen vernetzt, sprachen neben der jeweiligen Landessprache auch Hebräisch und häufig weitere Sprachen – wichtige Voraussetzungen für Handel und Austausch. Karl der Große stellte sie deshalb unter seinen persönlichen Schutz und gewährte ihnen besondere Rechte.
Die zweite Station war die Stadtkirche. Dort erläuterte Frenkler die Unterschiede zwischen Kirche und Synagoge und sprach über die jüdische Diaspora nach dem jüdischen Krieg von 66 bis 73 nach Christus. Dabei zog er auch Parallelen zwischen Judentum und Christentum. Sein Fazit: „Christen und Juden haben die gleichen Wurzeln“ – sie seien lediglich „anders angebogen“.
An der Lateinschule gegenüber der evangelischen Stadtkirche rückte eine bedeutende Persönlichkeit in den Mittelpunkt: Elijah Levita, 1469 in Ipsheim geboren, später auch in Neustadt lebend. Er wurde Rabbi, jüdischer Humanist und Dichter und gilt als erster Jude, der die jüdische Sprache an europäische Humanisten vermittelte. Sein Lehrbuch hatte laut Frenkler eine enorme Bedeutung: „Luther hätte ohne dieses Buch die Bibel nicht übersetzen können.“
Am Alten Schloss, dem heutigen Karpfenmuseum, berichtete Frenkler vom sogenannten Rintfleisch-Pogrom des Jahres 1298 in Franken. Außerdem ging es um Markgräfin Anna, deren Figur heute im Apothekergarten im Schlosshof zu sehen ist. Die Witwe des Markgrafen Albrecht Achilles wählte Neustadt als Witwensitz und gewährte den damals hier lebenden Juden Schutz und Sicherheit. Trotz ihrer Bedeutung etwa als Steuerzahler seien Juden jedoch immer wieder aus Städten verdrängt worden. Frenkler brachte diese widersprüchliche Entwicklung so auf den Punkt: „Christen und Juden haben sich parallel entwickelt und waren doch spinnefeind.“
Ein besonders eindringlicher Halt war die ehemalige Synagoge in der Gartenstraße. Sie wurde von der früheren jüdischen Gemeinde in Pahres errichtet, die nach Neustadt übersiedelt war. Frenkler schilderte, dass die Nationalsozialisten bereits vor Hitlers Machtergreifung die stärkste Fraktion im Neustädter Stadtrat bildeten. Für jüdische Bürgerinnen und Bürger hatte das früh spürbare Folgen – viele mussten die Stadt schon vor 1933 verlassen.
Auch die Novemberpogrome von 1938, die Zerstörung der Synagoge und die Übergriffe auf jüdische Familien in Neustadt waren Teil der Führung. Dabei übte Frenkler deutliche Kritik am heutigen Umgang mit dem Gedenken. Während es in Neustadt noch immer einen Leonhard-Bankel-Platz gebe – benannt nach dem inzwischen sehr umstrittenen früheren Bürgermeister – fehle eine sichtbare Würdigung bedeutender jüdischer Persönlichkeiten wie Elijah Levita bislang im Stadtbild.
Für den Jahrestag der Reichspogromnacht im November plant Martin Frenkler bereits einen weiteren Gedenkspaziergang. Seine Führung macht deutlich: Jüdische Geschichte in Neustadt ist nicht nur ein Kapitel der Vergangenheit – sie gehört sichtbar erinnert und erzählt.



